Die Allgemeintoleranz DIN ISO 2768 wird zurückgezogen. Warum lohnt sich ein Wechsel zur ISO 22081?

Es gibt verschiedenste Normen, die tagtäglich angewendet werden. Doch keine ist so bekannt wie die Allgemeintoleranz DIN ISO 2768. Ziel dieser Norm war es ursprünglich die Zeichnungen zu vereinfachen und die Toleranzen von Merkmalen ohne relevante Funktionsanforderungen, gemäss werkstattüblicher Genauigkeit zu definieren. Die Verwendung dieser Allgemeintoleranz in den Betrieben zeigt allerdings in der Realität eine ganz andere Situation: Statt diese Toleranz nur auf Merkmale ohne Funktionsanforderungen anzuwenden, wird sie gemäss einer Umfrage der Technischen Universität Chemnitz, in 67% der deutschen Unternehmen für relevante Qualitätsmerkmale verwendet, welche auf keinen Fall überschritten werden dürfen.

Obwohl die DIN ISO 2768 verschiedene Toleranzklassen anbietet ist auf den Zeichnungen fast ausschliesslich nur die Toleranzklasse m für mittel zu finden. Prof. Sophie Gröger begründet dies in der Bezeichnung der Toleranzklassen. Die Toleranzklassen c für grob oder v für sehr grob scheinen den Konstrukteuren, wie es die Bezeichnung schon sagt, zu grob. Bei der kleinsten Toleranzklasse f für fein wird wohl befürchtet das Werkstück unnötig zu verteuern. Folglich bleibt noch die Mitte also m. Diesen psychologischen Faktor hat also massgeblichen Einfluss auf die Wahl der Toleranzklasse.

Der Rückzug der DIN ISO 2768 ist bereits in Stein gemeisselt. Bereits jetzt steht die neue Allgemeintoleranz ISO 22081 zur Verfügung. Die Gründe für den Rückzug der DIN ISO 2768 liegen in den gravierenden Defiziten dieser Norm. Dies zeigen folgende Beispiele:

  • Bei den Form- und Lagetoleranzen im Teil 2 der Norm besteht eine Mehrdeutigkeit auf Grund von Interpretationsspielraum. Die Auswahl der Toleranzart ist unklar und es fehlen Bezüge.
  • Mit Teil 1 der DIN ISO 2768 können ± Toleranzen spezifiziert werden. Sofern es sich allerdings nicht um Grössenmasse handelt, wie es zum Beispiel bei Stufenmassen der Fall ist, sind auch diese mehrdeutig (Siehe Bild). Grössenmaße sind die Masse von Geometrieelementen wie: Durchmesser von Zylindern, Durchmesser von Kugeln und Abstand gegenüberliegender paralleler Flächen.
Spezifikationsmehrdeutigkeit eines Stufenmasses
  • Mit der DIN ISO 2768 werden oft Funktionseigenschaften toleriert. Sofern die Funktion erfüllt ist darf das Bauteil aber trotz Überschreitung der Allgemeintoleranz nicht zurückgewiesen werden. Dies führt zu Diskussionen zwischen Lieferanten und Kunde, betreffend dem, was noch die Funktion erfüllt oder eben nicht. Dies widerspricht sich mit den Grundsätzen der Norm ISO 8015.
Nach DIN ISO 2768 muss ein Werkstück mit Abweichung vom Kunden akzeptiert werden, wenn die Funktion erfüllt ist
  • Grenzabmasse für Nennmasse unter 0,5mm sind in der Tabelle dieser Norm nicht zu finden. Viele Konstrukteure wissen nicht, dass diese Abmasse direkt am Nennmass anzugeben sind. Durch diesen Umstand bleiben solche Merkmale oft untoleriert.

Die neue Allgemeintoleranz ISO 22081 behebt die Probleme bezüglich der DIN ISO 2768.

Wie und ab wann sollte diese neue Norm eingeführt, beziehungsweise die alte Norm abgelöst werden?

Die ISO 22081 verfolgt einen komplett neuen Ansatz. Sie baut auf dem Prinzip der Geometrischen Produktspezifikation auf und entspricht dem Regelwerk der dazugehörigen Norm ISO 8015. Es ist daher naheliegend, dass die neue Allgemeintoleranz zusammen mit den Grundsätzen der Tolerierung nach ISO 8015 eingeführt wird. Für 31% der deutschen Unternehmen im Bereich industrielle Fertigung ist ISO GPS ein Fremdwort. Weitere 31% haben bereits etwas davon gehört. Und nur 38% verfolgen den Stand der Normung. das erklärt auch wieso 85% der deutschen Unternehmen noch keine Kenntnisse zur neuen Allgemeintoleranz gemäss ISO 22081 haben. Und nur in gerademal bei 8% der Unternehmen gibt es Schulungsversuche (Stand November 2021). Fazit: Die alte Allgemeintoleranz DIN ISO 2768 wird uns wohl noch einige Jahre auf Kundenzeichnungen begegnen.

Was kann man tun wenn eine Einführung von ISO 22081 in absehbarer Zeit nicht realistisch scheint?

Mit dem Rückzug der DIN ISO 2768 wir diese Norm nicht ungültig, sie wird historisch. Damit hat sie auf alten Zeichnungen auch nach wie vor ihre Gültigkeit. Das Zeichnungsdatum ist dabei ausschlaggebend. Wird diese Norm auch künftig auf den Zeichnungen weiter verwendet, wird empfohlen mit der Erwähnung der Norm auch das Ausgabedatum zu vermerken. Also zum Beispiel mit dem Hinweis Allgemeintoleranzen gem. DIN ISO 2768:1991 mK. Damit ist klar auf welchen Ausgabe-Stand sich die Angabe bezieht.

Wie geht es weiter?

Es steht Ihnen frei die DIN ISO 2768 noch weiter Jahre oder Jahrzehnte zu verwenden. Und realistisch gesehen wird uns diese Norm noch lange auf manchen Zeichnungen begegnen. Doch die gravierenden Mängel dieser Norm und die überzeugenden Vorteile der neuen Allegemeintoleranz könnte manchen dazu bewegen sich der neuen Herausforderung zu stellen. Mit einer schrittweisen Einführung der Norm ISO 8015 und der parallelen Einführung von ISO 22081, meistern auch Sie diesen Schritt in die Zukunft.

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